Warum schreien manche Eltern ihre Kinder ständig an, laut Psychologie?

Warum manche Eltern ständig rumbrüllen: Die Wissenschaft hinter dem Schreien

Du stehst im Supermarkt an der Kasse. Plötzlich hörst du es: Eine Mutter schreit ihr Kind an, weil es die Süßigkeiten aus dem Regal gezogen hat. Alle schauen kurz hin, dann schnell wieder weg. Unangenehme Stille. Vielleicht denkst du: „So würde ich das nie machen.“ Oder vielleicht denkst du: „Verdammt, gestern habe ich genau das Gleiche gemacht.“ Falls Letzteres der Fall ist – willkommen im Club. Denn laut Forschung passiert Schreien in den meisten Familien regelmäßig. Aber hier kommt der Plot-Twist, den niemand erwartet: Es liegt nicht an den Kindern.

Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren massiv zu diesem Thema geforscht, und die Ergebnisse sind ziemlich eindeutig. Wenn Eltern regelmäßig ihre Kinder anschreien, hat das fast nie mit dem zu tun, was das Kind gerade macht. Es hat mit dem zu tun, was im Kopf der Eltern passiert. Klingt provokant? Ist es auch. Aber bleib dran, denn diese Erkenntnis könnte tatsächlich helfen, den ganzen Teufelskreis zu durchbrechen.

Das Pittsburgh-Experiment: Wenn Liebe allein nicht reicht

Forscher der University of Pittsburgh haben 2013 etwas ziemlich Krasses herausgefunden. Ming-Te Wang und sein Team haben über 900 Jugendliche und ihre Eltern über mehrere Jahre begleitet. Das Ergebnis? Jugendliche zeigten Depressionen und Aggression, wenn sie regelmäßig angeschrien wurden, sowie kriminelle Tendenzen wie Lügen oder Stehlen. Soweit nicht überraschend – Schreien ist schlecht, das wissen wir irgendwie alle.

Aber jetzt kommt der Hammer: Diese negativen Effekte traten auch dann auf, wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind ansonsten als gut und liebevoll beschrieben wurde. Lies das nochmal. Das bedeutet, du kannst nicht einfach am Wochenende kuscheln und unter der Woche rumbrüllen und erwarten, dass sich das gegenseitig aufhebt. Das kindliche Gehirn funktioniert nicht wie eine Excel-Tabelle, in der sich Plus und Minus gegenseitig neutralisieren.

Das widerlegt die klassische Eltern-Ausrede: „Mein Kind weiß doch, dass ich es liebe, auch wenn ich mal ausraste.“ Nein, tut es nicht. Nicht in dem Moment. Nicht auf neurologischer Ebene. Die harte Wahrheit ist: Verbale Härte hinterlässt Spuren, egal wie viele Umarmungen danach kommen.

Was Schreien im Gehirn anrichtet: Der Alarmmodus

Neurowissenschaftler der Harvard University, unter anderem Martin Teicher, haben dokumentiert, was im Gehirn eines Kindes passiert, das regelmäßig angeschrien wird. Die Antwort ist ziemlich beunruhigend: Es verändert sich. Buchstäblich. Schreien verändert Amygdala und Hippocampus, die für Stress und Angst zuständig sind und anders verdrahtet werden.

Wenn du als Kind ständig in einem Umfeld bist, in dem geschrien wird, stellt dein Gehirn den Dauermodus auf „Gefahr erkannt“ ein. Das System läuft permanent auf Hochtouren. Und das hat Langzeitfolgen – von Angststörungen bis zu Problemen bei der Emotionsregulation im Erwachsenenalter.

Hier wird es richtig ironisch: Wenn ein Kind unter Stress steht – und Angeschrienwerden ist definitiv Stress – schaltet das Gehirn in den Überlebensmodus. In diesem Modus kann es nicht lernen, nicht reflektieren und schon gar nicht verstehen, was gerade von ihm verlangt wird. Eltern schreien meistens, weil sie wollen, dass das Kind endlich kapiert, was es tun oder lassen soll. Aber neurologisch bewirkt das Schreien genau das Gegenteil. Das Gehirn macht dicht. Mission failed.

Der Mythos vom absichtlich nervigen Kind

Jetzt wird es entwicklungspsychologisch. Kinder unter vier Jahren – und teilweise auch darüber hinaus – können die emotionalen Konsequenzen ihrer Handlungen in komplexen Situationen einfach nicht vollständig nachvollziehen. Das ist keine Boshaftigkeit oder Faulheit. Das ist Biologie. Ihre Gehirne sind schlicht noch nicht so weit entwickelt.

Wenn dein Dreijähriger also Saft über den frisch gewischten Boden kippt, tut er das nicht, um dich zu ärgern. Er kann die Kausalkette „Saft umkippen → Boden dreckig → Mama muss putzen → Mama ist gestresst → Mama schreit mich an“ nicht komplett durchdenken. Das übersteigt seine kognitiven Fähigkeiten. Punkt.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, eine echte Koryphäe auf diesem Gebiet, hat das brillant zusammengefasst: Eltern interpretieren das Verhalten ihrer Kinder oft als absichtliche Provokation, obwohl es in Wirklichkeit einfach nur altersgerechtes Verhalten ist. Dieses fundamentale Missverständnis ist der Zünder für unzählige Schrei-Eskalationen. Wir projizieren erwachsene Intentionen auf kindliches Verhalten – und das ist der Fehler.

Warum Eltern wirklich explodieren: Die unbequeme Wahrheit

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern der Sache. Die Forschung zu elterlichem Burnout und Emotionsregulation – insbesondere die Arbeiten von Moïra Mikolajczak und Kollegen – zeigt glasklar: Eltern schreien nicht primär, weil ihre Kinder sich daneben benehmen. Sie schreien, weil sie selbst am absoluten Limit sind.

Das ist keine Entschuldigung. Das ist eine Erklärung. Und diese Unterscheidung ist verdammt wichtig, weil sie den Fokus verschiebt. Nicht „Was ist falsch mit meinem Kind?“, sondern „Was brauche ich als Elternteil, um nicht ständig auszurasten?“

Die Studien zeigen: Überforderte Eltern können ihre eigenen Emotionen nicht mehr adäquat regulieren. Sie befinden sich in einem Zustand chronischer Überlastung. Die Gründe dafür sind vielfältig: mentaler Load, Schlafmangel, finanzielle Sorgen, fehlende Unterstützung im Alltag, der gesellschaftliche Druck, perfekte Eltern sein zu müssen. In diesem Zustand wird jede Kleinigkeit – das verschüttete Glas, die vergessenen Schuhe, das fünfte „Warum?“ – zum sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Was da neurologisch passiert, ist simpel: Dein präfrontaler Kortex – der Teil des Gehirns, der für rationale Entscheidungen und Impulskontrolle zuständig ist – wird von der Amygdala überschrieben, die für Fight-or-Flight-Reaktionen zuständig ist. Und bei vielen Eltern zeigt sich das als „Fight“ – also Schreien.

Der Scham-Kreislauf: Warum es immer schlimmer wird

Hier kommt noch ein psychologischer Mechanismus dazu, der das Problem verschärft. Die meisten Eltern wissen genau, dass Schreien falsch ist. Sie haben es nicht vor. Es passiert einfach. Und danach? Schämen sie sich. Massiv. Dieser Scham-Kreislauf ist in der Burnout-Forschung gut dokumentiert: Du schreist dein Kind an, du schämst dich dafür, du versuchst es wiedergutzumachen und noch mehr „der perfekte Elternteil“ zu sein, das erhöht den Druck auf dich selbst noch mehr, du bist noch erschöpfter und gereizter, die Wahrscheinlichkeit für die nächste Explosion steigt.

Die Scham führt nicht zu Besserung. Sie führt zu mehr Druck, mehr Erschöpfung und letztendlich zu noch mehr Schreien. Es ist ein selbstverstärkender Teufelskreis. Und das Perfide daran: Eltern, die sich am meisten schämen, sind oft die, die am härtesten mit sich selbst ins Gericht gehen – und dadurch den Druck weiter erhöhen.

Mentaler Load: Die unsichtbare Bombe

Ein Begriff, der in den letzten Jahren endlich mehr Aufmerksamkeit bekommt: mentaler Load. Das ist die unsichtbare Last all der Dinge, die man im Kopf jonglieren muss. Wann ist der nächste Zahnarzttermin? Ist noch Toilettenpapier da? Wann wird die Winterjacke zu klein? Hat das Kind für den Kindergeburtstag morgen ein Geschenk? Ist das Geburtstagsgeschenk eingepackt? Wurde die Geburtstagseinladung unterschrieben? Diese kognitive Last ist oft extrem ungleich verteilt – meistens auf den Schultern eines Elternteils.

Forschung von Allison Daminger zeigt: Wenn dein mentaler Arbeitsspeicher permanent mit diesen unsichtbaren To-Dos vollgestopft ist, bleibt einfach keine Kapazität mehr für Emotionsregulation. Dein Gehirn ist ausgelastet. Und dann kommt das Kind und will zum fünften Mal erklärt haben, warum der Himmel blau ist. Und du explodierst. Nicht, weil die Frage nervig ist. Sondern weil dein System überlastet ist.

Warum Schreien nicht funktioniert und alles schlimmer macht

Selbst wenn man die emotionalen und neurologischen Schäden komplett ignoriert – Schreien ist einfach ineffektiv. Studien zeigen klar: Kinder befolgen angeschriene Anweisungen schlechter als ruhig formulierte. Der Grund? Das bereits erwähnte Stress-Problem. Ein Kind im Panikmodus kann nicht lernen. Es kann nur überleben.

Noch problematischer: Kinder lernen durch Beobachtung und Nachahmung. Das ist die Grundlage der sozialen Lerntheorie von Albert Bandura. Was Kinder sehen, machen sie nach. Wenn Eltern ihre Frustration durch Schreien ausdrücken, lernen Kinder genau das: „Wenn ich überfordert oder wütend bin, schreie ich.“ Die bittere Ironie: Eltern wollen oft, dass ihre Kinder lernen, sich zu beherrschen und Emotionen zu regulieren – während sie selbst genau das Gegenteil vorleben.

Gibt es den geborenen Schreier?

Eine häufige Frage: Sind manche Menschen einfach so? Gibt es eine Schreier-Persönlichkeit? Die Antwort der Forschung: Jein. Es gibt keine angeborene „Ich-bin-ein-Brüller“-Persönlichkeit, aber es gibt definitiv Risikofaktoren.

Eltern, die selbst in stressigen Umgebungen oder mit harter Disziplin aufgewachsen sind, haben oft nie gelernt, wie man anders reagiert. Das ist die Forschung von Randy Conger und Kollegen zur intergenerationalen Weitergabe von Stressmustern. Diesen Eltern fehlen schlicht die Werkzeuge. Sie haben nie andere Modelle gesehen. Das ist keine Ausrede, aber eine Erklärung. Sie reproduzieren nicht böswillig schädliche Muster – sie kennen einfach keine Alternativen, besonders nicht in Momenten hoher Anspannung.

Die gute Nachricht: Dieses Verhalten ist nicht in Stein gemeißelt. Emotionsregulation kann man lernen, auch als Erwachsener. Das Gehirn bleibt plastisch und formbar. Neurowissenschaftliche Forschung von Richard Davidson zeigt: Selbst im Erwachsenenalter können wir neue neuronale Pfade aufbauen. Es ist nie zu spät, neue Wege zu lernen.

Was wirklich hilft: Konkrete Auswege aus dem Brüll-Modus

Genug der schlechten Nachrichten. Was kann man konkret tun? Die Forschung liefert einige klare Ansatzpunkte, die tatsächlich funktionieren.

Studien zur Eltern-Kind-Bindung zeigen: Eltern, die sich aufrichtig bei ihren Kindern entschuldigen, wenn sie geschrien haben, können einen Großteil des Schadens abmildern. Kinder lernen dabei zweierlei: Auch Erwachsene machen Fehler, und man kann Verantwortung dafür übernehmen. Eine echte Entschuldigung – keine Ausrede, kein „Aber du hast…“ – kann Wunder wirken.

Emotionsregulation ist lernbar. Das klingt abstrakt, ist aber ziemlich konkret. Techniken wie die 4-7-8-Atmung sind wissenschaftlich validiert. Dabei atmest du vier Sekunden ein, hältst sieben Sekunden die Luft an und atmest acht Sekunden aus. Forschung von Xiao Ma zeigt: Das aktiviert das parasympathische Nervensystem und bremst die Stressreaktion. Andere Methoden: Der Pause-Button – bevor du reagierst, bis drei zählen. Oder bewusst die Situation verlassen: „Ich brauche kurz eine Pause.“ Das sind alles Achtsamkeitstechniken, die von Jon Kabat-Zinn und anderen erforscht wurden.

Strukturelle Entlastung ist nicht optional. Das ist der Punkt, den viele Ratgeber ignorieren, weil er unbequem ist. Manchmal ist das Problem nicht, dass du deine Emotionen nicht im Griff hast. Manchmal hast du objektiv zu viel auf dem Teller. Und dann braucht es keine Atemübung, sondern echte Entlastung. Fairere Aufgabenteilung im Haushalt. Externe Hilfe. Weniger auf die eigene To-Do-Liste packen. Das sind systemische Lösungen, keine individuellen.

Wenn du verstehst, dass dein Dreijähriger neurologisch nicht in der Lage ist, Perspektivwechsel zu vollziehen, bist du weniger frustriert, wenn er „nicht zuhört“. Es ist nicht Trotz. Es ist Entwicklung. Das Gehirn ist noch nicht fertig. Forschung zur Theory of Mind zeigt: Diese Fähigkeiten entwickeln sich erst über Jahre. Dieses Wissen allein kann schon viel Druck rausnehmen.

Die tatsächlich gute Nachricht

Hier kommt die Botschaft, die wirklich wichtig ist: Gelegentliches Schreien macht dich nicht zu einem schlechten Elternteil und zerstört nicht automatisch dein Kind. Die Forschung unterscheidet klar zwischen chronischem, regelmäßigem Schreien und seltenen Ausrutschern. Alle Eltern verlieren mal die Nerven. Das ist menschlich. Das ist normal.

Was zählt, ist das Gesamtmuster. Und Muster kann man verändern. Die Neurowissenschaft zeigt: Das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter lernfähig. Du kannst neue Strategien lernen, mit Stress umzugehen. Dein Kind kann lernen, dass Menschen Fehler machen und sich dafür entschuldigen können. Die Familie als Ganzes kann lernen, dass Perfektion nicht das Ziel ist – sondern echte, menschliche Beziehungen.

Der wichtigste erste Schritt ist das Verstehen: Wenn du als Elternteil häufig schreist, ist das primär ein Symptom deiner eigenen Überforderung. Nicht ein Zeichen dafür, dass dein Kind schwierig ist oder du versagst. Diese Verschiebung der Perspektive ist extrem kraftvoll. Sie lenkt den Fokus weg von Schuld und hin zu Lösung. Die Wissenschaft zeigt uns nicht nur, was schiefläuft – sie zeigt uns auch, wie wir es besser machen können.

Was steckt hinter elterlichem Schreien wirklich?
Überforderung
Eigene Kindheit
Mentaler Load
Mangelnde Tools
Alles zusammen

Schreibe einen Kommentar