Du kennst sicher jemanden, der Therapeut geworden ist und dabei selbst eine ziemlich chaotische Familie hat. Oder diese eine Kollegin, die als Lehrerin arbeitet und deren Eltern sie nie wirklich unterstützt haben. Zufall? Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Die Sache ist nämlich die: Unsere Kindheit hinterlässt Spuren, die tiefer gehen, als wir manchmal wahrhaben wollen – und diese Spuren zeigen sich nicht nur in unseren Beziehungen, sondern auch in dem, was wir beruflich machen.
Bevor du jetzt denkst „Oh nein, noch so ein Psycho-Artikel, der mir sagt, dass alles die Schuld meiner Eltern ist“ – stopp. Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen. Es geht darum zu verstehen, wie die Muster aus unserer Kindheit uns manchmal in bestimmte Richtungen lenken, ohne dass wir es überhaupt merken. Und genau das macht es so spannend.
Warum die Beziehung zu deinen Eltern überhaupt deine Berufswahl beeinflusst
Lass uns kurz wissenschaftlich werden – aber keine Sorge, ich halte es verständlich. In den 1950er Jahren hat ein britischer Psychiater namens John Bowlby etwas ziemlich Bahnbrechendes entdeckt: Wie unsere Eltern oder Bezugspersonen mit uns umgehen, wenn wir klein sind, prägt unser gesamtes Leben. Seine Bindungstheorie ist heute einer der Grundpfeiler der Psychologie.
Die Grundidee ist simpel: Wenn deine Eltern emotional verfügbar waren, wenn du sie gebraucht hast, entwickelst du ein Gefühl von Sicherheit. Du lernst, dass Beziehungen verlässlich sind und dass du wertvoll bist. Wenn das aber nicht der Fall war – wenn deine Eltern distanziert waren, dich unter Druck gesetzt haben, unberechenbar reagiert haben oder einfach nicht da waren, als du sie gebraucht hättest – dann bildest du andere innere Überzeugungen. Und diese Überzeugungen beeinflussen alles: deine Beziehungen, dein Selbstwertgefühl und eben auch, welchen Beruf du wählst.
Hier ist der Clou: Das passiert meistens völlig unbewusst. Niemand sitzt da und denkt: „Meine Kindheit war beschissen, also werde ich jetzt Sozialarbeiter.“ Stattdessen fühlst du dich einfach zu bestimmten Berufen hingezogen, ohne genau zu wissen, warum. Dein Unterbewusstsein hat längst entschieden.
Diese 5 Berufe ziehen Menschen mit schwierigen Elternbeziehungen besonders an
Okay, jetzt wird es konkret. Basierend auf der Bindungstheorie und den Beobachtungen aus der psychologischen Praxis gibt es bestimmte Berufsfelder, die Menschen mit problematischen Kindheitserfahrungen auffällig oft wählen. Hier sind fünf davon – und was psychologisch dahinterstecken könnte:
1. Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeiter – die professionellen Retter
Das ist wahrscheinlich das offensichtlichste Beispiel, aber auch eines der interessantesten. Viele Menschen in helfenden Berufen haben selbst eine Kindheit durchgemacht, in der sie emotional für andere da sein mussten – manchmal sogar für ihre eigenen Eltern. Psychologen nennen das Parentifizierung: Das Kind wird zum Erwachsenen und kümmert sich um die emotionalen Bedürfnisse der Eltern, statt selbst versorgt zu werden.
Eine Studie aus dem Jahr 2011 von Forschern um Ellilä im Journal of Child Sexual Abuse hat gezeigt, dass zwischen 75 und 82 Prozent der Psychotherapeuten selbst Kindheitstraumata wie emotionale Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt haben. Das ist eine verdammt hohe Zahl. Diese Erfahrungen machen sie nicht schlechter in ihrem Job – im Gegenteil, sie können dadurch empathischer sein. Aber es erklärt, warum sie diesen Weg gewählt haben.
Als Erwachsene fühlen sich diese Menschen zu Berufen hingezogen, in denen Fürsorge und emotionale Unterstützung im Mittelpunkt stehen. Unbewusst versuchen sie, anderen das zu geben, was sie selbst nie bekommen haben. Oder sie suchen nachträglich die Anerkennung, die ihnen als Kind verwehrt wurde. Das Problem? Wenn sie ihre eigenen Wunden nicht heilen, kann das zu Burnout führen oder dazu, dass sie ihre ungelösten Themen auf ihre Klienten projizieren.
2. Lehrer und Pädagogen – die späten Ermutiger
Menschen, die Lehrer werden, haben oft eine komplizierte Beziehung zu Anerkennung. Viele hatten Eltern, die ihre Leistungen nie wirklich gewürdigt haben oder die ständig kritisiert haben. Der Lehrerberuf bietet dann die Möglichkeit, in einer Position der Autorität zu sein – aber auch, Kindern das zu geben, was sie selbst vermisst haben: Ermutigung, Verständnis und das Gefühl, wirklich gesehen zu werden.
Das Faszinierende daran: Manche Lehrer reproduzieren unbewusst genau das Verhalten, unter dem sie selbst gelitten haben. Wer unter autoritären Eltern aufgewachsen ist, wird manchmal selbst zur autoritären Lehrperson. Andere machen das komplette Gegenteil und werden zu genau den Lehrern, die sie selbst gerne gehabt hätten – warmherzig, geduldig und unterstützend.
3. Militär, Polizei und Sicherheitsdienste – Struktur als Rettungsanker
Jetzt wird es richtig interessant. Auf den ersten Blick scheint es paradox: Warum sollten Menschen mit chaotischen Familienverhältnissen ausgerechnet beim Militär oder der Polizei landen, wo es noch mehr Hierarchie und Kontrolle gibt?
Genau das ist der Punkt. Für jemanden, der in einem unberechenbaren Haushalt aufgewachsen ist – wo mal geschrien wurde, mal Stille herrschte, wo nie klar war, was als Nächstes passiert – kann die klare Struktur dieser Berufe paradoxerweise wie eine Erlösung wirken. Es gibt feste Regeln, klare Erwartungen, vorhersehbare Konsequenzen. Endlich Ordnung im Chaos.
Studien zu Kindheitstraumata zeigen, dass Menschen mit adversiven Kindheitserfahrungen überdurchschnittlich oft strukturierte Berufe wählen, um die Unsicherheit ihrer Kindheit zu kompensieren. Außerdem bieten diese Berufe die Möglichkeit, sich als stark und unabhängig zu beweisen – besonders für diejenigen, die sich in ihrer Kindheit schwach und hilflos gefühlt haben. Es ist eine Art Überkorrektur: „Nie wieder werde ich ohnmächtig sein.“
Der Haken? Wenn diese Menschen nicht aufarbeiten, warum sie diese extreme Kontrolle suchen, können sie in autoritäre Verhaltensmuster verfallen oder Schwierigkeiten mit flexibleren, emotionaleren Situationen bekommen.
4. Anwälte, Manager und Führungskräfte – der Kampf um Kontrolle
Menschen, die in Familien aufgewachsen sind, in denen sie ständig bevormundet wurden oder kein Mitspracherecht hatten, entwickeln manchmal einen übermäßigen Drang nach Autonomie und Kontrolle. Der logische Ausweg? Berufe, in denen sie selbst das Sagen haben.
Anwälte kämpfen für Gerechtigkeit – oft, weil sie selbst Ungerechtigkeit erlebt haben. Manager und Führungskräfte bestimmen die Richtung – möglicherweise, weil sie als Kinder ständig herumkommandiert wurden und sich geschworen haben: „Wenn ich erwachsen bin, entscheide ich.“
Forschungen zur Bindung im Erwachsenenalter, wie die Arbeiten von Mikulincer und Shaver zeigen, deuten darauf hin, dass Führungskräfte mit unsicherer Bindung häufiger Kontrollbedürfnisse entwickeln. Das Problem dabei? Wer beruflichen Erfolg und Macht nutzt, um Kindheitswunden zu heilen, läuft Gefahr, nie genug zu bekommen. Die nächste Beförderung, der gewonnene Fall, die Anerkennung – nichts davon füllt wirklich die Lücke, die eigentlich die Eltern hätten füllen sollen.
5. Künstler, Schriftsteller und Selbstständige – Autonomie um jeden Preis
Dann gibt es noch die Rebellen – Menschen, die sich komplett aus traditionellen Strukturen verabschieden und ihren eigenen Weg gehen. Künstler, Schriftsteller, Musiker, Selbstständige: Diese Berufe ziehen oft Menschen an, die sich in ihrer Kindheit missverstanden, eingeengt oder unsichtbar gefühlt haben.
Kreative Berufe erlauben maximale Autonomie und Selbstausdruck – zwei Dinge, die Menschen mit problematischen Elternbeziehungen oft schmerzlich vermisst haben. Die Kunst wird zum Ventil für unterdrückte Emotionen, zum Ort, an dem sie endlich gehört werden.
Forschungen zum elterlichen Einfluss auf die Berufswahl zeigen, dass übermäßiger Druck oder mangelnde Unterstützung dazu führen können, dass Menschen bewusst Wege einschlagen, die ihren Eltern nicht gefallen – als späte Form der Rebellion oder des Beweises: „Ich bin mein eigener Mensch.“
Die Kehrseite? Freiberufliche und kreative Berufe haben ihre eigenen Herausforderungen: finanzielle Unsicherheit, fehlende Struktur, Isolation. Wer diesen Weg aus den falschen Gründen wählt – nämlich als Flucht statt als authentischer Ausdruck – kann später auf ernsthafte Probleme stoßen.
Was das jetzt konkret für dich bedeutet
Vielleicht hast du dich in einem oder mehreren dieser Muster wiedererkannt. Falls ja: Das ist völlig normal und bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt oder dass deine Berufswahl falsch ist. Im Gegenteil – dieses Verständnis ist der erste Schritt zu mehr Selbstbewusstsein und emotionaler Gesundheit.
Hier sind ein paar Fragen, die dir helfen können, deine eigene Situation besser einzuschätzen:
- Warum habe ich wirklich meinen Beruf gewählt? Versuch, hinter die offensichtlichen Antworten zu schauen. Klar verdienst du gut oder hilfst Menschen – aber gibt es tiefere emotionale Motive?
- Fühle ich mich in meinem Beruf erfüllt oder versuche ich, etwas zu beweisen? Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen echter Erfüllung und dem verzweifelten Versuch, alte Wunden zu heilen.
- Wiederhole ich Muster aus meiner Kindheit oder breche ich bewusst damit? Beides kann gesund oder ungesund sein – es kommt darauf an, ob du dir dessen bewusst bist.
Die gute Nachricht: Du bist nicht gefangen
Das Beste an der Bindungstheorie ist nicht nur, dass sie erklärt, wie frühe Erfahrungen uns prägen. Sie zeigt auch, dass Veränderung möglich ist. Psychologen sprechen von einem „verdienten sicheren Bindungsstil“ – das sind Menschen, die ursprünglich unsichere Bindungserfahrungen gemacht haben, aber durch Therapie, Selbstreflexion oder heilsame Beziehungen im Erwachsenenalter zu einem sicheren Bindungsstil gefunden haben.
Du bist also nicht für immer Gefangener deiner Kindheit. Aber – und das ist wichtig – Veränderung erfordert Bewusstsein und aktive Arbeit. Es reicht nicht, nur zu wissen, dass da ein Muster ist. Du musst dich damit auseinandersetzen.
Ein paar praktische Schritte, die helfen können: Erkenne die Muster an. Schon die Tatsache, dass du diesen Artikel liest, zeigt, dass du bereit bist, genauer hinzuschauen. Wenn du merkst, dass unverarbeitete Kindheitsthemen dein Leben belasten, kann professionelle Unterstützung enorm hilfreich sein. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Versuche außerdem, deine Identität von deinem Beruf zu trennen. Dein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, wie erfolgreich oder angesehen du beruflich bist.
Wenn der Beruf Teil der Heilung wird
Es wäre zu simpel zu sagen, dass diese Berufswahlen grundsätzlich problematisch sind. Tatsächlich können sie Teil eines gesunden Heilungsprozesses sein – wenn sie bewusst gewählt werden und mit anderen Formen der Selbstfürsorge kombiniert werden.
Ein Therapeut, der seine eigene schwierige Kindheit aufgearbeitet hat, kann außergewöhnlich empathisch und effektiv sein. Eine Führungskraft, die früh gelernt hat, für sich einzustehen, kann Teams inspirieren und schützen. Ein Künstler, der Schmerz in Schönheit verwandelt, berührt die Herzen anderer Menschen.
Der Unterschied liegt im Bewusstsein und in der Integration. Wenn du verstehst, warum du tust, was du tust – und wenn du aktiv daran arbeitest, alte Wunden zu heilen, statt sie nur zu betäuben – dann kann dein Beruf tatsächlich Teil deiner persönlichen Entwicklung sein, nicht nur eine unbewusste Wiederholung alter Muster.
Dieser Artikel basiert auf etablierten psychologischen Prinzipien wie der Bindungstheorie von John Bowlby und Forschungen zum elterlichen Einfluss auf die Berufswahl. Jeder Mensch ist einzigartig, und Berufswahlen werden von unzähligen Faktoren beeinflusst – Begabungen, Zufälle, wirtschaftliche Umstände, persönliche Interessen und vieles mehr. Dieser Artikel soll zur Selbstreflexion anregen, nicht zu voreiligen Selbstdiagnosen führen.
Das Ziel ist nicht, deine Eltern zu verteufeln oder dich als Opfer zu sehen. Das Ziel ist Verständnis – für dich selbst, für deine Muster und für die unbewussten Motivationen, die dich lenken. Und mit diesem Verständnis kommt die Möglichkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen, die wirklich zu dir passen – nicht zu den Erwartungen anderer oder zu den Wunden deiner Vergangenheit.
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